Classic Hits in Nordchina, März/April 2002, Teil 2

Letzte Saison für Ganhe: 162 Achsen lange Züge, hier einer am 29.11.2002 mit Lok 7 bei der Ausfahrt aus Yisishan


Der Artikel ist auf Grund seiner Länge in vier Abschnitte geteilt:

  • Die Sichtmeldungen und Forschungsergebnisse, nebst einer kleinen Einleitung
  • Die Waldbahnen mit Dampfbetrieb mit Landkarten
  • Zur Sicherheitslage, mit einem Artikel von Florian Menius (in deutsch)
  • Die Tabelle mit den bekannten Dampfstrecken in China (Stand 1.5.02)
  • This tour report is available in English on the pages of Rob Dickinson and Florian Menius.


    Hier finden Sie

  • Ein paar Worte zur Einstimmung
  • Waldbahn Ganhe Patient verstarb am 1. Mai 2002
  • Waldbahn Zhanhe
  • Waldbahn Weihe
  • Waldbahn Shanhe

  • Waldbahnen in China

    2002 sollte das letzte Jahr werden, in dem mit dampfbetriebene Waldbahnen Holz aus Chinas Wäldern abfahren. Lediglich eine Ausnahme war vorgesehen: Zhanhe. Aber die Lage scheint etwas besser zu sein, obwohl es sich allenfalls um eine Gnadenfrist von zwei Jahren handeln kann, wenn überhaupt. Die Entscheidung zur Stillegung einer Strecke, wie sie in den letzten Jahren mit schöner Regelmäßigkeit über viele Waldbahnstrecken hereinbrach, wird von der zentralen Plankommission in Beijing getroffen. Die Büros vor Ort haben natürlcih ein Mitspracherecht, aber was macht man, wenn es kein Holz mehr gibt? Lanxiang, Chaihe, Dunhua, Yabuli, Alihe, alles bekannte Namen, die in den zurückliegenden Jahren wegen Holzmangels aufgeben mußten. Über 50 Jahre Raubbau an der Natur hinterlassen eben Schäden und Lücken.

    Übersichtskarte Waldbahnen in der Inneren Mongolei

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    Ganhe

    Volle Kraft voraus vor Xinfucun, ein Abzweigbahnhof abseits jeglicher Ansiedlung. 29.11.2002Beginnen wir im hohen Norden, in der Provinz Innere Mongolei. Ganhe befindet sich rund 100 km westlich von Jiagdaqi. Die Strecke folgt dem Fluß Gan nach Norden und teilt sich im oberen Abschnitt in zwei Linien auf. Es verkehrt ein Personenzug täglich außer Donnerstag und Sonntag, der um 8.20 Ganhe verläßt und gegen 18.30 Uhr wieder dort eintrifft. Der Gesamtverkehr wird mit C2-Lokomotiven abgewickelt. Die Strecke stand zur Einstellung nach der diesjährigen Holzsaison an, ein parallele Straße befindet sich in Bau. Nach Aussagen örtlicher Vertreter der Bahn will man jedoch den Personenverkehr weiter aufrecht erhalten, zumindest bis Qilibin (40 km). Das verwundert zutiefst, denn bis Qilibin gibt es schon länger eine gute Erdstraße, die allenfalls nach Regenfällen unpassierbar sein dürfte. Auch lehrt die Erfahrung von anderen Strecken, daß es überall und immer auch ohne Eisenbahn geht, nicht jedoch ohne Straße.

    Ganhe liegt im Sperrgebiet, und ohne das erforderliche "Aliens Travel Permit" sollte man einen Besuch sehr konspirativ abwickeln, das heißt sein lange Nase weder auf dem Staats- noch auf dem Waldbahnhof allzu offen zeigen. Draußen an der Strecke passiert dann in der Regel nichts mehr. Da ein ATP jedoch auch in Alihe ausgestellt werden kann, sollte man zu dieser Variante oder zur Buchung über ein staatliches Reisebüro tendieren, falls es der Geldbeutel zuläßt. Aber auch mit ATP kann man es den örtliche Dorfpolizisten in Ganhe nicht Recht machen, auf dem Personenbahnhof will man manchmal einfach keine Fotografen haben. Im Depot hingegen, wo sich kaum einer der Uniformierten hin verirrt, hat man fast Narrenfreiheit.

    Die Strecke führt durch endlos einsame Landschaft, teils hügelig, teils mit Bergen im Hintergrund (bis 1665 m hoch). Die Holzzüge erreichen gigantische Längen von 162 Achsen, der Personenzug besteht meist aus vier bis fünf Wagen. Es wird 24 Stunden am Tag gefahren.

    Nach Redaktionsschluß für den LOK Report 6/02 tickerte hier die Meldung herein, dass am 1. Mai 2002 der Ofen aus war, lediglich für Abbauzwecke werden noch Züge fahren. Dies wird allerdings schon in wenigen Monaten erledigt sein.

    Landkarte Ganhe

    Landkarte Ganhe mit allen Stationen

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    Zhanhe

    Rund 50 km nördlich von Bei'an liegt Zhanhe (nicht auf der Nelles-Map). Die Strecke führt über 130 km nach Osten in ebenso einsame wie teilweise unberührte Natur. Nach knapp 100 km mehr oder weniger interessanter Strecke, allerdings mit sehr schönen Fotomöglichkeiten für Leute, die das Endlose, das Weite zusammen mit schwer arbeitenden Zügen fotografieren möchten, kommt ein mit Schluchten, langen Brücken und engen Kurven gesegneter Abschnitt, der auch einen mehrtägigen Aufenthalt nie langweilig werden läßt. Problematisch gestaltet sich allerdings die Anreise dorthin, es gibt keine Straße und keinen öffentlichen Personenverkehr in diese abgelegene Gegend und so bleibt eigentlich nur die Mitfahrt auf einem Holzzug oder das Chartern eines Triebwagens. Für Einzelreisende ist das zwar ein teuerer Spaß, lohnt aber in jedem Fall. Eine einfache Übernachtung (also mit Außenklo im zugigen Bretterverschlag) steht in Kundeqi zur Verfügung, wohin auch ein Forstweg führt.

    Depot Zhanhe bei Nacht, 30.11.2001

    Neben den Lokomotiven der Klasse C2, von denen in der Saison fünf bis sechs für Streckeneinsätze genutzt werden, gibt es auch fünf Diesellokomotiven, die in Mudanjiang gebaut wurden. Die Dampflokomotiven werden nur in der Hochsaison des Holztransportes, also im Dezember und Januar genutzt. Die Langstrecken werden dennoch oft ausschließlich von den Dieselloks gefahren. Dieses Jahr wurde der Dampfbetrieb Ende Januar eingestellt, obwohl die Holzabfuhrsaison bis in den April hinein dauerte.

    Die Zukunft der Bahn ist am sichersten von allen, man hat Abfuhraufträge bis zum Jahre 2003. Die Entscheidung, ab wann im nächsten Winter wieder Dampflokomotiven zum Einsatz kommen, fällt im Spätsommer oder im Herbst.

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    Zhanhe, Dezember 2001

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    Weihe

    SW21 035 und Schiebelok SW21 055 kämpfen mit der Steigung hinter Pinglin, 3.4.2002Weihe an der Hauptstrecke Mudanjiang - Harbin gelegen ist eine der ältesten Waldbahnen Chinas überhaupt und hat die letzte planmäßige Holzsaison gerade beendet. Die Entscheidung über die Stillegung ist mit 50%iger Wahrscheinlichkeit in diesem Jahr zu erwarten. Erstaunlich gepflegt präsentierten sich dafür Anlagen und Fahrzeuge, die Unterhaltung der Streckengleise lief im April auf vollen Touren. Auf jeden Fall fährt der Personenzug bis zum 1. Mai weiter mit Dampf, danach wird über den Sommer wieder der Triebwagen Verwendung finden. Und wenn alles gut geht, kommt ab November wieder der Dampfzug auf die Strecke.

    Weihe bietet auf der gesamten Strecke viele hervorragende Fotomöglichkeiten und ist auf guten Erdwegen fast an jeder Stelle zugänglich. Etwa in Streckenmitte befinden sich auf dem Abschnitt Dongfeng - Shuangfeng - Pinglin zwei kräftige Steigungen, die jeder beladene Holzzug auf seinem Weg nach Weihe passieren muß. Hier kommt es häufig zu Schiebeleistungen, manchmal wird auch eine Vorspannlok gestellt. Auf Grund der leichten Erreichbarkeit, zahlreicher Übernachtungsmöglichkeiten, der sehenswerten Landschaft und der hohen Zugdichte ist Weihe das ideale Betätigungsfeld für den "Waldbahn-Anfänger", so es noch eine weitere Saison geben sollte.

    Die alten herren von Xiping. SW 21035 mit einem Schwellenzug am 4.4.2002.

    Der Personenzug von Weihe, Dezember 2001

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    Shanhetun

    So werden Triebwagen in Shanhe gedreht, hier in Yongshang bei km 96.Der Ort liegt an der Nebenbahn Harbin - Jilin, die Strecke führt über 100 bzw. 110 km nach Osten. Shanhe ist eine etwas schwierige Bahn, die lange Zeit kaum westliche Besucher sah. Dies lag zum einen in der irrigen Annahme, alle Züge verkehrten nur nachts, andererseits stellen sich die Dorfpolizisten hier besonders stur, wenn es um fotografierende Ausländer geht. Man wähnt sich in einem besonderes armen Teil Chinas und möchte nicht, daß so etwas fotografiert wird. Man solle doch bitte die Glaspaläste von Shanghai oder Beijing fotografieren. Das so etwas langweiliges überall auf der Welt die Großstädte verhunzt und deswegen wohl kein Tourist aus dem Häuschen zu locken ist (Rothenburg o.d.T. dürfte auch in zehn Jahren noch mehr Besucher anziehen als öde Bürotürme irgendwo), das dürfte den Dorfpolizisten bis zur Einstellung der Bahnlinie wohl verborgen bleiben. Ein weiterer Umstand macht Shanhe etwas schwieriger: Auch hier ist der Zugang per Straße recht bescheiden. Bis Shahezi bei km 53 gibt es eine gute Erdstraße, alles was dahinter kommt ist eher abenteuerlich und bei schlechtem Wetter teilweise unpassierbar. Zur nördlichen Strecke gibt es nur vereinzelten Zugang.

    Die Bahn hat südöstlich von Shahezi viele schöne Fotomöglichkeiten mit Strecke, Fluß und Bergen, dazu kleine Dörfer und deren Felder. Die Anreise ist hier allerdings überall per Triebwagen möglich, eine privatisierte Gesellschaft befährt beide Strecken mehrfach täglich. Ebenso stehen unterwegs an mehreren Stationen Übernachtungsmöglichkeiten zu Verfügung, allerdings auch hier für den Edeltouri eher ungeeignet.

    Shahezi bei Nacht, eine Hauptbahn-Telegrafenleitung, ein schiefer Wasserkran und eine einzige Laterne - ist dieses Stillleben nicht göttlich?
    Shahezi bei Nacht, eine Hauptbahn-Telegrafenleitung, ein schiefer Wasserkran und eine einzige Laterne - ist dieses Stillleben nicht göttlich? Das Personal von C2 506 ist am 2. April 2002 gerade im Bahnhofsrestaurant verschwunden. Nach 50 Minuten geht es weiter nach Shanhetun.

    Shahezi Kohlebunker, 2.4.2002Die Züge werden tagsüber beladen und verkehren daher sehr oft in der Dunkelheit. Das heiß aber nicht, daß es keine Dampfzüge bei Licht gäbe, es gehört eben nur mehr Zeit als anderswo dazu, Tageslichtaufnahmen zu bekommen. Die Bahn besitzt neben den Triebwagen nur Dampflokomotiven, ebenfalls Klasse C2. Dafür, daß auch das Management der Bahn Fotografen eher kritisch gegenübersteht, darf man sich in Shanhe selbst im Lokschuppen ziemlich frei bewegen. Aber auch hier gibt es Dorfpolizisten, die einem das Leben schwer machen können.

    Ein Staudammprojekt, was die Wasserversorgung der Millionenmetropole Harbin sicherstellen soll, wird der Bahn auf jeden Fall das Aus bringen. Eigentlich sollte 2000/2001 die letzte Holzsaison stattfinden, dann wurde aber noch einmal verlängert. Ob nun 2001/2002 die letzten Stämme gefahren wurde, wusste vor Ort niemand zu sagen. Man liebäugelt seitens des Vorstandes mit einem Touristenverkehr auf der Bahn (der allerdings bei dem jetzigen teils lebensgefährlichen Oberbauzustand kaum in Frage kommt). Warten wir die Entscheidung der Plankommission ab und hoffen auf ein weiteres Jahr mit Holztransport auf dieser und den anderen Bahnen.

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    © FarRail Tours - Bernd Seiler - zurück zur Hauptseite